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Toleranz

als Voraussetzung für Freiheit in

der Lebensgestaltung, der Wissenschaft, der Kunst und des Glaubens

Erklärung von Prinzipien der Toleranz

 

Die Erklärung von Prinzipien der Toleranz wurde auf der 28. Generalkonferenz (Paris, 25. Oktober bis 16. November 1995) von den Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedet.

 

Entschlossen, alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten - denn Toleranz ist nicht nur ein hochgeschätztes Prinzip, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker,

 

erklären wir:

Artikel 1: Bedeutung von 'Toleranz'

 

1.1 Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.

 

Kurt Tucholsky

 

 

 

Keine Toleranz der Intoleranz -

die Folgen der Intoleranz:

 

Lebensgestaltung 1968: Martin Luther King:"Wenn wir nicht lernen miteinander als Brüder  zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen."

Am 4. April 1968 wurde King bei einem Attentat in Memphis erschossen.

 

Wissenschaft 1600: Giordano Bruno postulierte die Unendlichkeit des Weltraums und die ewige Dauer des Universums. Damit stellte er sich der damals herrschenden Meinung einer in Sphären untergliederten geozentrischen Welt entgegen. Viel schwerer wog damals, dass seine pantheistischen Thesen von einer unendlichen materiellen Welt keinen Raum für ein Jenseits ließen, da zeitliche Anfangslosigkeit des Universums eine Schöpfung und dessen ewiger Bestand ein Jüngstes Gericht ausschlossen.

Er wurde durch die Inquisition der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und vom Gouverneur von Rom zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

 

Kunst 1933: "Die Feuer brannten. Auf dem Opernplatz in Berlin. Auf dem Königsplatz in München. Auf dem Schlossplatz in Dresden. Vor der Bismarcksäule in Dresden. Auf dem Römerberg in Frankfurt. Sie loderten in jeder deutschen Universitätsstadt." [Erich Kästner]

 

Glauben 1415: Jan Hus (nach seinem wahrscheinlichen Geburtsort Husinec, Prachiner Kreis, Königreich Böhmen; * um 1370; † 6. Juli 1415 in Konstanz), auch Johannes Hus(s) genannt, war ein böhmischer christlicher Theologe, Prediger und Reformator. Er war zeitweise Rektor der Karls-Universität Prag. Nachdem er während des Konzils von Konstanz seine Lehre nicht widerrufen wollte, wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

 

 

 

 

 

 

 

Überlegungen zur Toleranz

 

Unser kulturelles Selbstverständnis hat als wesentliche Basis u. A. den

 

Artikel 2 des Grundgesetzes:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

 

Freie Entfaltung der Persönlichkeit eines jeden heißt im Ergebnis eine hochdifferenzierte Gesellschaft hinsichtlich der praktizierten Lebensart der einzelnen Bürger. Also eine offene Gesellschaft im Sinne von Karl R. Popper. Eine Gesellschaft dieser Art – gemäß Grundgesetz – entwickelt sich nur unter dem Gesichtspunkt der Pflicht zur Toleranz eines jeden Bürgers. Sie zeigt sich als Norm des Grundgesetzes, wenn auch nicht ausdrücklich formuliert, neben dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, andersartige Lebensarten zu tolerieren; zu dulden ohne sie ggf. zu akzeptieren. Diese wechselseitige Beziehung zwischen der Möglichkeit, der eigenen freien Gestaltung der Lebensart und der Toleranz anderen Lebensformen gegenüber, muss als Maß hoher Freiheit gesehen und begrüßt werden. Die Pflicht zur Toleranz ist so unbedingt mit Freude zu empfinden. Es erinnert an den zu schreibenden Aufsatz „Die Freuden der Pflicht“ in der Deutschstunde von Siegfried Lenz. Ohne Toleranz der an-deren Bürger lässt sich die eigene Freiheitsliebe – die ganz subjektiv bestimmte eigene Lebensform - nicht leben.

 

Wenn das Grundgesetz die Pflicht zur Toleranz gebietet, besteht auch der Anspruch eines jeden anderen gegenüber auf Toleranz. Toleranz wird also nicht großzügig gewährt, sondern ist eine Selbstverständlichkeit jedem gegenüber, soweit dieser nicht konkrete Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

 

Beim  miteinander Leben in einer offenen Gesellschaft bedarf es also neben dem Verständnis zur Pflichtübung der Toleranz auch eines bestimmten Verständnisses der Rechtsordnung. Fehlt im Einzelfall ein solches Verständnis, kommt es zu Kollisionen, die ggf. nur eine Auflösung im Gerichtswesen finden. Gewalt als Gewaltmonopol hat nur der Staat.

 

Allgemeine Moralvorstellungen auch ggf. getragen von einer Mehrheit der Bürger er-zeugen keine Verbindlichkeit zur Lebensführung eines jeden. Moral ist nicht mehr als gelernte Verhaltensweise einer bestimmten sozialen Gruppe; eine „richtige“ Moral gibt es nicht. In diesem Sinn – das Verhalten der Mehrheit ist richtig - ist auch der Begriff „Sittengesetz“ im Artikel 2 nicht zu verstehen. Respekt anderen gegenüber fordert das Grundgesetz, wenn es von „Sittengesetz“ spricht. Der heute suspekt gewordene Begriff „Sittengesetz“ kann nicht bedeuten, dass das, was eine eventuelle Mehrheit der Bürger für Sitte hält, Verhaltenspflichten erzeugt, die der grundgesetzlich verbrieften freien Entfaltung der Persönlichkeit – Artikel 2 – zu wider läuft. Es geht um die Freiheit in Artikel 2; und Freiheit ist immer auch die Freiheit der anderen. Und die Wahrheit, wie das Leben zu gestalten ist, hat keiner im Besitz; das lässt sich bis hin zu den griechischen Philosophen nachlesen.

 

Axel Geertz – Weidenbach