Naturismus

Otfried Höffe zitiert aus Kant: Kritik der Urteilskraft: Die ästhetische Beziehung zur Natur wurzelt im Wesen des Menschen, nämlich seiner Fähigkeit, sich von den Zwängen des Lebens freizumachen und Schönheit zu genießen, also etwas, das keinerlei Zwecken dient, sondern "für sich selbst gefällt".

Eine Annäherung an die Natur und sich selbst als Bestandteil der Natur empfinden, kann als Ergebnis dazu führen, Naturismus als eine von vielen Lebensformen zu akzeptieren.     Ein empfehlenswerter Prozess.

 

 

Die Annäherung an die Natur kann auch in diesen zwei Bildern verdeutlicht werden. Den verschiedenen Wohnorten

 

Links das Leben Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhun- derts im Häusermeer der damals fast völlig zerstörten Großstadt Hamburg.

 

Es gab ein Zwischenstation in der Kleinstadt Bad Schwalbach

 

Rechts das Leben auf dem Land seit nun ca. 25 Jahren im Rhein-Lahn-Kreis

Statt im Häusermeer in Hamburg nun naturnah auf dem Lande leben, führt nicht zwangsweise zum Naturimus. Aber Naturismus ist eine uralte Idee. Sich als Teil der Natur verstehen in der man lebt und diese Umstände als Lebensform favorisieren, ist nicht neu.

Die Griechen wussten um die naturnahen Auftritte (Skulpturen, Wettkämpfe) und natürlichen Bedürfnisse (Lysistrata). Der Vorromatiker, Johann Wolfgang von Goethe bejubelt im Faust das Menschsein im sogenannten Osterspaziergang. Die "Tugendlehre der Freiheit" (Dahrendorf) bringt die Sicherheit.

Menschsein aus dem Naturverständnis heraus heißt, die von der Natur gegebenen Umstände zu akzeptieren; den Anspruch auf persönliche Freiheiten wahrzunehmen; den natürlichen Empfindungen zu entsprechen; den natürlichen Bedürfnissen nachzugehen; losgelöst von zivilisationsbestimmter Moral.

 

Die Stichworte sind hier: Fauna - Flora - Landschaft - Nacktheit - Sexualität

Die Rangfolge bestimme jeder selbst

Johann Wolfgang von Goethe schreibt als Vorromantiker im

Faust

 

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurück zu sehen!

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß in Breit und Länge

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch,

hier darf ichs sein

 

 

Nacktheit – Scham – Moral

 

 

Nacktheit in der Öffentlichkeit wird offensichtlich nur dann freiwillig praktiziert, wenn Schamfreiheit damit verbunden ist. Also Nacktheit im häuslichen Bereich, in der Sauna, in Bädern, am Strand und z. B. in Feld und Wald oder auch in der Kunst als Modell oder Akteur auf der Bühne und eben auch im erotischen bzw. sexuellen Lebensbereich. Schamfreiheit unter diesen Umständen ist erforderlich, da anderenfalls ein solches Handeln freiwillig nicht denkbar erscheint.

 

Scham entsteht und ist vorhanden, wenn man etwas tut oder unterlässt, was man für unstatthaft/fehlerhaft hält. Das einzelne Tun und Unterlassen von Menschen ist kulturell bestimmt und unter den Menschen ganz sicher nicht einheitlich positiv oder negativ determiniert. Was einigen richtig erscheint, wird von anderen ggf. als falsch angesehen. Dass sich aus solchen Einschätzungen ergebene Verhalten, wird dann als Moral ausgegeben. Es bilden sich soziale Gruppen mit gleichartigem Schamverhalten, die dazu neigen, ihre „Moral“ für verbindlich erklären zu wollen. Das eingeengte Denkvermögen in solchen Fällen führt zu der Annahme, die Wahrheiten in Sachen Moral erkannt zu haben und andere Verhaltensweisen missbilligen zu dürfen. Eine totale Selbstüberschätzung. Wenn es dann sogar zu dem sogenannten „Fremdschämen“ kommt, wenn also Scham entsteht, weil andere eine andere Moral leben, ist es nur noch peinlich.

 

Um bei dem Thema „Nacktheit in der Öffentlichkeit“ zu bleiben: Zur Nacktheit ohne Schamgefühl gehört offensichtlich dann die Überzeugung, dass der eigene nackte Körper keinen Grund liefert, ihn zu verbergen; das Unterlassen der Bekleidung also unter bestimmten Umständen keinen Anlass zur Scham geben kann. Dass also der eigene Körper in einem Zustand ist, den man selber voll verantworten kann, weil man eben in diesen Körper geboren ist und ihn den gegebenen Möglichkeiten nach gepflegt hat. Eine Körperakzeptanz ist erforderlich bzw. gegeben, die den ganzen Körper erfasst; also neben dem nackten Mund auch die nackten Brüste, den nackten Penis und die nackte Vulva usw. Dann ist Nacktheit ohne Scham selbstverständlich. Aber eben nicht für jeden Menschen, da eine solche Körperakzeptanz von vielen in dieser Form nicht gesehen wird. Der Körper bleibt für diese Menschen in der Öffentlichkeit immer weitgehend bekleidet.

Strand und Wasser natürlich nackt und frei erleben verdeutlicht die Idee des Naturismus

Aristophanes

 

Lysistrata

 

Aristophanes war ein griechischer Komödiendichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der griechischen Komödie, insbesondere der Alten Komödie, und des griechischen Theaters überhaupt. Seine Komödien, vor allem Lysistrata, werden immer wieder gespielt.

 

Das Stück thematisiert den Kampf einiger Frauen gegen die Männer als Verursacher von Krieg und den damit verbundenen Leiden. Getragen von dieser Erkenntnis verschwören sich die Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzwingen. Sie besetzen unter Führung der Titelheldin Lysistrata die Akropolis und verweigern sich fortan sexuell gegenüber ihren Gatten. In Sparta wird durch Lampito ähnliches veranlasst. Nach einigen Verwicklungen und Rückschritten – mehrfach versuchen liebestolle Frauen, die Burg in Richtung der Männer zu verlassen, oder die erbosten Herren, selbige zu erstürmen – führt der Liebesentzug tatsächlich zum Erfolg.

Der Weg zu selbstsicherer Lebensführung – z. B. Naturismus – führt auch über die geistige Freiheit, sich mit Alternativen auseinander zu setzen. Als Liberaler versteht man sich in weitgehend unabhängiger Form zu positionieren.

 

Ralf Dahrendorf

 

entwickelt in seinem Buch

Versuchungen der Unfreiheit

eine Tugendlehre der Freiheit. Dort heißt es: Vier Kardinaltugenden müssen dem Liberalen immanent sein und von ihm immer wieder erarbeitet werden:

 

1. Die Fähigkeit, sich auch wenn man alleine bleibt, nicht vom eigenen Kurs abbringen zu lassen.

2. Die Bereitschaft, mit den Widersprüchen und Konflikten der menschlichen Welt zu leben.

3. Die Disziplin des engagierten Beobachters, der sich nicht vereinnahmen lässt.

4. Die leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft als Instrument der Erkenntnis und des Handels.

 

 

Warum? Warum wird der nackte Mund kaum bekleidet; aber der nackte Penis und die nackte Vulva fast immer schamvoll bedeckt? Ist der nackte Mund so viel schöner? Nein, er ist nur nicht so sexuell konnotiert wie Penis und Vulva, obwohl auch er in der Sexualität eine Rolle spielt. Eine solche überstarke Konnotation  ist im Wesentlichen durch Religionen, Kirchen bzw. Ideologien herbeigeführt worden! Die Erbsünde lässt grüßen. Die Religion erzählt: Im sogenannten Paradies war man schamfrei nackt. Wer war eigentlich dabei und hat es gesehen? Es geschah angeblich der Sündenfall, den auch der sogenannte Allmächtige nicht verhindert hat. Und seitdem gibt es das Märchen, dass die Blöße zu bedecken sei.

 

Die Folge einer solchen Prägung ist dann verständlich. Die primären Geschlechtsorgane werden nur unter dem Aspekt der Sexualität gesehen und diese als einen sehr intimen Vorgang, der nur unstatthaft die Öffentlichkeit verträgt. Das wird weithin kulturell so verstanden. Anerzogen worden ist dann ein fehlgeleitetes Schamgefühl durch Überbetonung der Bedeutung von Penis und Vulva in Bezug auf die Sexualität unter dem Gesichtspunkt der Lustfeindlichkeit und Dämonisierung. Nacktheit in der Öffentlichkeit ist unter diesen Umständen nicht praktizierbar.

 

Wenn man durch die Welt heute und in vergangener Zeit schaut, ist das Verhältnis zum eigenen Körper immer wieder sehr unterschiedlich gesehen und gewollt worden. Bekleidung / Verkleidung und Nacktheit wurden und werden unterschiedlich beurteilt und gelebt. Der Mensch in seiner Vielgestaltigkeit – körperlich und geistig – fand und findet unterschiedliche Darstellungsformen seines Körpergefühls. Diese Differenzierungsmöglichkeiten machen unter anderem das Menschsein aus und zeigen sich ganz besonders in dem Begriff Freiheit. In die Freiheit des einzelnen Menschen sollten andere nicht willkürlich eingreifen. Das gilt auch für die Nacktheit in der Öffentlichkeit, wenn der einzelne es für moralisch richtig, statthaft und schamfrei hält. Basis dafür ist u. a. Artikel 2 des Grundgesetzes:

 

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

 

Freie Entfaltung der Persönlichkeit eines jeden heißt im Ergebnis eine hochdifferenzierte Gesellschaft hinsichtlich der praktizierten Lebensart der einzelnen Bürger. Also eine offene Gesellschaft im Sinne von Karl R. Popper. Eine Gesellschaft dieser Art – gemäß Grundgesetz – entwickelt sich nur unter dem Gesichtspunkt der Pflicht zur Toleranz eines jeden Bürgers. Diese Pflicht zur Toleranz ist die komplementäre Ergänzung zum Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit in Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetzes.

Einer der großen Denker des letzten Jahrhunderts - britischer Philosoph, Mathematiker, Logiker und Literatur-Nobelpreisträger -

 

Bertrand Russel

 

schreibt 1929 in seinem Buch

 "Ehe und Moral

(Marriage and Morals)"

 

Nebenstehendes zum Naturismus

 

 

 

Ein deutliches Bekenntnis zum Naturismus

 

„Es gibt auch viele wichtige Gründe für die Gesundheit zugunsten von Nacktheit bei geeigneten Umständen, wie im Freien bei sonnigem Wetter. Sonnenschein auf der nackten Haut hat eine äußerst gesundheitsfördernde Wirkung. Außerdem muss jeder, der je Kinder ohne Kleidung im Freien herumlaufen sah, davon überrascht sein, dass sie sich viel besser verhalten und sich freier und schöner bewegen, als wenn sie angezogen sind. Dasselbe gilt für erwachsene Menschen. Der richtige Ort für Nacktheit ist draußen in der Sonne und im Wasser. Wenn unsere Konventionen dies erlauben würden, würde dies bald keinen sexuellen Anreiz mehr auslösen; wir sollten uns alle besser halten, wir sollten von dem Kontakt von Luft und Sonne mit der Haut gesünder sein, und unsere Schönheitsstandards würden fast mit den Gesundheitsstandards übereinstimmen, da sie sich mit dem Körper und seiner Haltung befassen würden, nicht nur mit dem Gesicht. In dieser Hinsicht war die Praxis der Griechen zu empfehlen."

 

Mehr zum Thema Naturismus findet man auch umfangreich bei Natury.